Werner Peuke

Am Nachmittag des vierten Tages [vermutlich am 18. April 1936] erhielt ich plötzlich meine gesamten Privatsachen, kam in die berühmte grüne Minna und wurde nach dem Columbiahaus gebracht, das damals in dem Munde aller Antifaschisten war. Hier hatten sich ja Szenen abgespielt, die einmalig in der Geschichte der Schreckensherrschaft waren. Columbiahaus war der Inbegriff aller Nazischandtaten. Columbiahaus war die Marterhölle. Hierher kam ich nun. Wie die ersten Stunden sich so abgespielt haben, weiß ich heute nicht mehr.

Nach wenigen Stunden fand ich mich in einer Zelle wieder. Ich betrachtete mich. Am Körper klebte eine alte graue Soldatenhose, um den Arm war eine rote Armbinde, die soviel wie strenge Einzelhaft bedeutete. Mit einem Taschentuch versuchte ich, mir das Blut aus dem Gesicht zu wischen und bei jeder Bewegung fühlte ich reißende Schmerzen, weil der ganze Rücken blutunterlaufen war. Zu den Schlägen der Gestapo war ja das berühmte Spießrutenlaufen im Columbiahaus gekommen. Plötzlich rasselte es am Türschloß und ich erhielt die erste Belehrung. Wenn ich auch zuerst den Sinn nicht verstand, im Laufe der nächsten Wochen und Monate lernte ich es und alles wurde zu einer mechanischen Gewohnheit.

Bei jedem Türöffnen aufspringen, Haltung einnehmen und laut und vernehmlich den Vers beten, "Zelle 113 belegt mit Schutzhäftling ...... Nr. 6800, strenge Einzelhaft." Um 6 Uhr früh morgens wurde geweckt. Die zur Vernehmung nach der Gestapo kamen, erfuhren es sogleich. Fertig machen zur Vernehmung. D. h. man kam sofort unter strenger Bewachung zum Waschraum, alles ging unter strengster Bewachung und im schnellsten Galopp. In der Minna fuhren wir dann zur Gestapo und warteten auf einem langen Gang, weit voneinander getrennt solange bis unser Name aufgerufen wurde. Die Fahrt zur Prinz-Albrecht-Straße legte ich täglich 12 bis 2 mal zurück, von April bis August.

Manchmal blieb ich 2 Tage dort, manchmal wurde ich nicht vernommen, öfters 6 bis 7 Stunden von den verschiedensten Peinigern hintereinander. Könnt ihr es ermessen, wie stark die Kraft des Herzens sein muß? Könnt ihr es ermessen, wie groß der Glaube an unseren Sieg sein mußte, in einer Situation, wo alle unsere Organisationen zerschlagen waren und der Faschismus triumphierte. Heute noch bereitet mir der Gedanke an diese Schreckensstunden große Pein.

Als sich eine Frau, die die Mißhandlungen nicht mehr ertragen konnte, aus dem dritten Stock der Gestapo des Lichtraums hinunterstürzte und vor meinen Augen zerschmettert liegen blieb, wies ich alle ähnlichen Selbstmordgedanken von mir. Nein und abermals nein schrie es in mir. Wochen hatte ich bereits ertragen, einmal muß die Qual ein Ende nehmen.

Und so kam es, daß die Gestapo nach 4 Monaten langer Vernehmungen im August so schlau war, wie im April bei meiner Verhaftung. Über meine revolutionäre Tätigkeit hatten sie nichts erfahren, keinen Namen hatte ich gesagt. Oft war es an der Grenze, denn im Monat Mai bei einer neuen Verhaftungswelle, waren sie in den Kreis einiger Gewerkschaftsgruppen gestoßen, die mit uns zusammen gearbeitet hatten. Hier war der Name "Wilke" ein Begriff. Niemand kannte meinen richtigen Namen und meine bisherige Tätigkeit. Viele leugneten meine Identität, wohl aus dem einfachen Grunde, um nicht mir mir zusammen, dem man Mithilfe am Mord von Horst Wessel und Anlauf und Lenk andichtete, auf einer Anklagebank zu sitzen.

Im Columbiahaus verständigten wir Mitgefangenen uns entweder bei der sogenannten Freistunde, in dem beim Runterlaufen auf den Hof, man einen Nachbarn schnell überholte und einen Kassiber zuschob oder durch Klopfen an die Wände oder die Zentralheizung. Ausdauer und Geduld, diese zwei Begriffe sind hierbei entscheidend. Das Klopfalphabet lernte man schnell. Es sei der Nachwelt erhalten

A B C D E
F G H I K
L M N O P
QuR S T U
V W X Y Z

Vier Reihen und 5 Buchstaben. Die erste Reihe wurde durch einen lauten Klopfton angekündigt. Also entweder einmal, zweimal oder dreimal laut, wobei immer ein Buchstabe aus der entsprechenden Reihe gemeint war. Der entsprechende Buchstabe dann an der Stelle, wo er stand dargestellt durch die entsprechende kurze Kopfzahl, an der er stand. Wer bist du? 5 mal laut, 2 mal kurz, das war das W, und so weiter für die anderen Buchstaben. Oft dauerte die Verständigung für ein oder zwei Worte stundenlang, dann man mußte höllisch aufpassen, damit ein Posten nichts vernehmen konnte, der aus langer Weile durch die Gänge schlich und sich einen Spaß machte, die einzelnen Insassen zu scheuchen.

Da wurde auf den Gängen gehüpft, da wurde gerollt. Unter der Parole "Auf die Bäume ihr Affen", mußten Bäume erklettert werden, wobei das Seitengewehr oder ein Kolben den nötigen Nachdruck gab. Manchmal handelte es sich um alte und gebrechliche Leute, die einfach zusammenbrachen und laut schrien. Sie wurden dann in eine Ecke geworfen und waren am nächsten Tage nicht mehr da. Sie haben sich selbst entlassen, hieß es dann lakonisch.

Ich wurde immer streng von allen übrigen gesondert gehalten. Mein Türschild enthielt ja auch die entsprechenden Vermerke. "Strenge Einzelhaft, Schreib- und Leseverbot." Nach ca. 6 Wochen wurde meine Zelle mit einem weiteren Mitgefangenen belegt. Es war ein plumper Versuch, auf diese Art und Weise in mein Vertrauen einzudringen. Im Grunde genommen standen sich zwei Welten gegenüber. Drei Jahre hatte ich mich ja allen Zugriffen entzogen, war mißtrauisch gegen jeder Mann und trat immer als Inkognito in Erscheinung. Mein Herz also einem Spitzel auszuschütten, war eine Zumutung an die Dummheit. Unter dem Druck eines eingehenden Verhörs, gestand der Mann am Schluß mir alles. Und ich legte mit ihm seine Aussagen über mich fest. Die nächsten Verhöre zeigten mir, daß er sich an meine Anweisungen hielt....

Bericht von Werner Peuke [Auszüge], undatiert [nach 1945].Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

⇑ nach oben